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Hanne Elf Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends wir trinken und trinken Man muss Paul Celan und seine Todesfuge, aus der die obigen Zeilen stammen, nicht kennen, um die Arbeiten von Hanne Elf zu verstehen. Aber in dem Geflecht der Einflüsse und Bezüge, in dem jedes künstlerische Werk entsteht, spielt er eine wichtige Rolle. Und so wie er mit vorgefundenem poetischen Material aus Literatur und Religion spielt, es intertextuell transformiert, so speisen sich auch die Bilder von Hanne Elf aus zahlreichen Quellen. Die unterschiedlichsten Ebenen überlagern und vermischen sich. Teilweise auch ganz konkret in der Herstellungsweise, wenn z.B. Fotos aus unterschiedlichen Zeitmomenten ineinandergefügt und übermalt werden. Und für beide ist die Musik essentiell. Nicht umsonst nennt Celan sein Gedicht eine Fuge, eine Art der musikalischen Kompositionstechnik, für die kontrapunktische Spiegelungen und komplexe Wiederholungen charakteristisch sind. Elemente, die auch diesen Bilderzyklus prägen. Ausgangspunkt der Serie „Eismitte“ ist das Märchen "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen. Ein Märchen, das Hanne Elf als Kind sehr beeindruckt und mit dessen Hauptfigur sie sich selbst identifiziert hat. Fühlte sie sich in ihrer Kindheit doch wie in Schnee und Eis lebend, eben wie in „Eismitte“. Die existenzielle Erfahrung eines Mädchens in lebensbedrohlicher Kälte steht dabei als Gleichnis für Einsamkeit und Verzweiflung des Individuums inmitten einer gefühlskalten Umwelt. Natürlich drängen sich Parallelen zu Louise Bourgeois auf, die zwar zwei Generationen älter, aber in ähnlichen Familienverhältnissen aufgewachsen ist, und man denkt an ihren Ausspruch: „Alle meine Arbeiten der letzen 50 Jahre fanden ihre Inspiration in meiner Kindheit. Man muss seine Vergangenheit verbannen oder akzeptieren, und wenn man sie nicht akzeptieren kann, wird man Künstler“. Auch bei Hanne Elf durchdringt ihr früheres Leben alles, was sie macht. Aber ihr Werk übersetzt autobiografische Motive in eine universell lesbare Formsprache. In seiner Verbindung von Konkretheit und Gleichnischarakter entsteht eine Entsubjektivierung des sie existentiell betreffenden Themas. Es ist gegenständlich und abstrakt zugleich, emotional und nüchtern, farblos und bunt. Es sind Erinnerungsbilder voller Affekte, voller Schönheit, voller Intensität, aber ihre Kunst implodiert nicht zum reinen Symptom. Die Ambivalenz bleibt, das Rätsel und der Eigenwert der Form. Hanne Elf schafft atmosphärisch dichte Erinnerungsräume. Zahlreiche Werke dieser Serie enthalten Texte und Zeichen, Fragmente einer zerfallenen Zeit. Sie sind in deutscher Schrift gehalten, dem sogenannten Sütterlin, das bis 1945 benutzt wurde, und das auch Joseph Beuys viel verwendet hat, der große Schamane, der wie Hanne Elf vom Niederrhein stammt. Es ist eine für die Nachgeborenen nur schwer lesbare Schrift, die Hanne Elf sich in den letzten Jahren angeeignet hat. Es ist die Schrift der dunklen deutschen Vergangenheit, es ist die Schrift der Eltern und Großeltern. Es scheint, dass Hanne Elf versucht, den Text zu entziffern, von dem Pascal Mercier spricht, nämlich denjenigen, der von den Eltern den Kindern „mit glühendem Griffel in die Seele geschrieben wird“. Und den man sein ganzes Leben lang zu finden und zu verstehen sucht. Hanne Elf bohrt sich in die Tiefen der Erinnerung hinein, will den dicken Eispanzer des Vergessens und der Unkenntnis durchstoßen. Wie in der antarktischen Forschungsstation „Eismitte“, die sich die Künstlerin als Metapher gewählt hat und die in mehreren Arbeiten als Hintergrund präsent ist. Wissenschaftler erschließen dort mit Eiskernbohrungen durch den vier Kilometer mächtigen Eisschild die Vergangenheit. Hanne Elf ist auf Entdeckungsreise zu sich selbst. Und es ist kein Zufall, dass sie bei „Eis-Mond“ erstmalig in ihrem gesamten Werk als Person sichtbar ist. Es wirkt, als sei sie auf einem fremden Planeten gelandet. „Furchtlosigkeit ist nötig, um dem Gewesenen ins Gesicht zu schauen. Aber eine Sache ausdrücken heißt ihre Kraft bewahren und ihr den Schrecken nehmen, und Enttäuschungen öffnen uns die Augen über die wahren Konturen unseres Selbst.“ (Pascal Mercier) Hanne Elf malt, um sich zu orientieren, um Klarheit zu erlangen. Und sie kämpft dabei mit den Dämonen der Erinnerung, voller Emotionen und mit vollem Körpereinsatz. Bei der Arbeit „Eismitte 1“ zum Beispiel hat sie auf dem Bild knieend mit beiden Händen einen Klumpen Farbe in das Papier hineingerieben, ihn förmlich hineingeschrubbt als sei es ein Waschbrett. Sie hat mit einem Ölstift hineingekratzt, sie hat all ihre Wut herausgelassen, sie hat die Dunkelheit bekämpft und sie in Licht verwandelt. Sie sträubt sich gegen den Romantizismus des Todes in Andersens Märchen, will diese Lösung nicht akzeptieren. Sie will Leben und Wärme erzeugen, dem schwarzen Nichts Farbigkeit entgegen setzen und das kalte Eis in Brand stecken. Daneben gibt es farbenfrohe, friedlich erscheinende Bilder wie „Maikäfer flieg“ nach dem bekannten Kinderlied. Es finden sich sogenannte „Andachtsbilder“, inspiriert durch Bibelsprüche und die Gebete des Rosenkranzes, mit Assoziationen von Unschuld und Reinheit, von Bürgerlichkeit und von klinischer Sterilität. Es sind Trauerarbeiten, in denen die Farben Rot und Weiß dominieren, symbolhaft für Blut und Tod, Feuer und Eis, Hoffnung und Energie. Viele der Gemälde sind zu den Klängen der Oper von Helmut Lachenmann "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ entstanden, einem zeitgenössischen Musiktheater, das weit entfernt ist von jedem Erzählton oder gar Märchenillusionismus. Kaum ein Ton wird auf konventionelle Weise erzeugt, sein Stilmittel ist die radikale Material- und Strukturbefragung. Lachenmann nennt es "Musik mit Bildern". Hanne Elf hingegen macht Bilder mit Musik, im doppelten Sinne. Einerseits sind sie beim Hören von Musik gemalt worden, andererseits scheinen sie selbst Töne zu erzeugen. Die Künstlerin möchte die Dinge zum Tanzen bringen. Spätestens seit der Romantik wissen wir, dass Malerei die Suche nach dem Glück ist. Und Gerhard Richter hat einmal gesagt, sie sei die höchste Form von Hoffnung. In den Bildern von Hanne Elf hat sich beides manifestiert. Harald Mann
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